Sulzer Technical Review Ausgabe 2 / 2017

Wenn Schildkröten vom Himmel zur Erde fallen

19. Juli 2017 | Herbert Cerutti

Manche Vögel knacken harte Schalen, indem sie die Beute aus grosser Höhe auf harten Grund fallen lassen. Und manche Affen erwehren sich drohender Gefahren mit einem Bombardement aus dem Geäst.

Bird cracking a shell

Vor 2 000 Jahren berichtete der römische Universalgelehrte Gaius Plinius Secundus von einem Adler, der erbeutete Schildkröten zerbrach, indem er sie aus der Höhe herabfallen liess. Die von modernen Naturforschern belächelte Anekdote erfuhr um 1980 eine überraschende Bestätigung: Mehrere Zoologen beobachteten Steinadler, die in der Tat die gepanzerte Beute in die Fänge nehmen, etwa 60 Meter in die Höhe fliegen und die Schildkröte dann auf felsigen Grund fallen lassen. Hatte der Panzer dem Aufprall standgehalten, kam die Schildkröte zu einer weiteren Flugreise. Manchmal waren bis zu drei Flüge nötig; ein besonders hartnäckiger Fall führte erst nach acht Abwürfen zum Erfolg.

Tiere nutzen den freien Fall

Gut bekannt ist das Abwurfverhalten des Bartgeiers. Der Speisezettel des imposanten Vogels besteht ausschliesslich aus Aas und Knochen. Er kann Knochen bis zu 30 cm Länge sowie ganze Rinderwirbel hinunterwürgen und mit seiner konzentrierten Salzsäure im Magen verdauen. Grosse Brocken aber, etwa den Oberschenkel eines Hirsches, knackt der Bartgeier, indem er sie aus Höhen bis zu 100 m auf einen Felsen prallen lässt. Im Jahr 1961 fand der englische Zoologe Julian Huxley in Tansania ein regelrechtes Knochenabwurfzentrum: Ein Lavafeld dort war übersät mit unzähligen zerborstenen Knochenresten.

Techniken, um harte Schalen zu knacken

Wie Steinadler und Bartgeier wissen eine ganze Reihe weiterer Vögel das Prinzip des freien Falles zu Fresszwecken zu nutzen. Möwen gelangen mit der Abwurfmethode an das leckere Fleisch von Muscheln. So lässt die Dominikanermöwe grosse Muscheln über festem Boden fallen, wobei die Abwurfhöhe je nach Bodenbeschaffenheit zwischen vier und acht Metern variiert. Silbermöwen stürzen sich bei Ebbe ins flache Meer, holen im Tauchgang Wellhornschnecken vom Grund und lassen sie aus etlichen Metern auf den steinigen Strand fallen. Ihr Interesse gilt aber nicht den Schnecken, sondern den Einsiedlerkrebsen, die oftmals im leeren Schneckengehäuse wohnen.

Steingeschosse im Einsatz

Zu regelrechten Bomberpiloten werden jene Vögel, die mit der Abwurftechnik auf dem Boden liegende „Lebensmittelverpackungen“ öffnen. So wird vom Bussardmilan in Australien berichtet, der erst brütende Emus im Tiefflug vom Nest vertreibt und anschliessend mit faustgrossen Steinen das Gelege aus der Luft knackt.

Vollends kriegerisch wird die Sache, wo der Luftangriff nicht der Nahrungsbeschaffung, sondern der Feindesbekämpfung dient. Das Erkunden eines Kolkrabennestes mit sechs Jungen in einer Felswand im amerikanischen Oregon endete für einen Forscher mit dem ungemütlichen Erlebnis, von den zurückkehrenden Elternvögeln mit gezielten Steinwürfen bombardiert zu werden.

Himmlische Brandstifter

Geradezu unheimlich erscheint eine weitere Jagdtaktik im australischen Luftraum. Australische Ureinwohner erzählen, der Schwarzmilan hole sich nach einem Buschbrand einen noch glimmenden Stock, fliege damit viele Hundert Meter weit über unversehrtes Gelände und lasse dann die heisse Ware auf trockenes Gras fallen. Dem neu entstehenden Brand entflöhen alsbald Nagetiere und Reptilien, die sich der wartende Räuber bequem pflücken könne. Die fast unglaubliche Brandbombentaktik ist in neuerer Zeit durch zoologische Beobachtungen bestätigt worden.

Affen als Bombenkerle

Für den Kampf aus der Luft muss man aber nicht unbedingt fliegen können. So wissen manche Affen ihren Standort hoch in den Bäumen taktisch zu nutzen. Die Klammeraffen in Süd- und Mittelamerika werfen Äste und Kot auf Lebewesen am Boden, die ihnen Angst machen. Ein Bombenkerl ist auch der Orang-Utan (Abb. 1). Mit gefährlichem Rückhandwurf schleudert er schwere Äste auf unliebsamen Besuch. Der amerikanische Zoologe Richard Davenport berichtet, wie er von einer Orang-Utan-Gruppe aus dem Geäst über eine Viertelstunde beschossen wurde. Während des Angriffs wurde er mit einer Kadenz von zehn Geschossen pro Minute bombardiert.

Orangutan sitting on a tree
Abb. 1 Manchmal greifen Affen von erhöhten Positionen an.

Affen machten sogar Kriegsgeschichte. Im Burenkrieg von 1899 bis 1902 in Südafrika wurden mehrmals Soldaten von steinwerfenden Bärenpavianen in die Flucht geschlagen. Siebzig Jahre später erlebten Zoologen in einem Felsental in Namibia einen Generalangriff einer 25 Kopf starken Herde von Bärenpavianen. Von Klippen herunter warfen die Affen in 23 Angriffswellen 124 Steine auf die Forscher, die nur dank raschem Ausweichen und Ducken Verletzungen entgingen. Immerhin waren die Geschosse über ein Pfund schwer, und die Paviane suchten sich die passenden Steine gezielt in der nahen Umgebung oder brachen sie bei Munitionsmangel aus der Erde los.


Sulzer Technical Review

Nadia Qaud

Editor-in-Chief


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