Sulzer Technical Review Ausgabe 2 / 2016

Wie der Regenwurm den Boden veredelt

13. Juli 2016 | Herbert Cerutti

Die Natur kennt Wege, pflanzliche und mineralische Ausgangsstoffe in hochwertige Produkte zu verwandeln. Ein markantes Beispiel liefert der unscheinbare Regenwurm – eine Miniraffinerie im Erdreich.

Earthworm in the grass

Der in Europa heimische Tauwurm oder Gemeine Regenwurm ist nur eine von weltweit über 3 000 Regenwurmarten. Etwa 30 Zentimeter lang, gräbt der kräftige Regenwurm in lehmigen Sandböden viele Meter tiefe, senkrechte Wohnröhren. Zum Einsammeln von organischem Material kommt er im Dunkeln an die Erdoberfläche, denn der bleiche Körper ist nur schlecht gegen UV-Strahlung geschützt. Auch muss er seine Haut immer feucht halten, weshalb er für Ausflüge, etwa zur Partnersuche oder für einen Wohnortswechsel, Regenwetter bevorzugt. Moderne Untersuchungen haben die Nützlichkeit der Regenwürmer bestätigt: Im gesunden Wiesland arbeiten bis zu 500 Regenwürmer pro Quadratmeter, die bis zu 60 Kilogramm Humus pro Jahr produzieren. Was dabei im Darm der Regenwürmer passiert, ist hochwertiges Rezyklieren und Veredeln von Pflanzen- und Tierresten.

Mikroben helfen verdauen

Doch die Würmer können weder kauen, noch verfügen sie über Enzyme, um die Zellulose und das Lignin der pflanzlichen Zellwände aufzulösen und so an den nahrhaften Inhalt zu kommen. Vielmehr saugen sie sich an dem auf dem Boden liegenden Blatt oder Halm fest, ziehen die Beute in die Wohnröhre und lassen dort Bakterien und Pilze die Zellen knacken. Erst nach der Vorarbeit der Mikrohelfer saugen die Würmer die Nahrung, inklusive der nährstoffreichen Mikroorganismen, ein. Mit der Nahrung aufgenommen werden auch Mineralteilchen des Bodens, die dann im Muskelmagen wie Schleifpulver wirken und so die Nahrung zu einem feinen Brei zerreiben. Eine chemische Zersetzung im Darm ermöglicht dem Wurm, Nährstoffe durch die Darmwand ins Blut aufzunehmen. Alles Unverdaute wird ausgeschieden und am Eingang der Wohnröhre als Kothäufchen deponiert.

Hochwertiger Dünger als Endprodukt

Der Regenwurm kann der Nahrung nur fünf bis fünfzehn Prozent der Nährstoffe entziehen; der Grossteil kommt im Kot wieder an die Erdoberfläche. Dort machen sich umgehend Bakterien, Insektenlarven und Springschwänze über das nahrhafte Angebot her und setzen weitere Nährstoffe frei. Für den Regenwurm eine Einladung, sich den eigenen Kot erneut einzuverleiben. So geht der gleiche Nahrungsbrei wieder und wieder durch den Regenwurmdarm, laufend ergänzt durch neue Mineralien, Pflanzenreste und Mikroorganismen – quasi eine Raffinierung in mehreren Arbeitsschritten. Der Regenwurmkot wird zum hochwertigen Gemisch aus organischen und mineralischen Stoffen, die Pflanzen in dieser Form leicht aufnehmen können.

Ertragssteigerung dank der Regenwürmer

Was das bodenbiologische Potpourri der Regenwürmer für das Pflanzenwachstum bedeutet, zeigten Versuche in Holland, wo man in neu gewonnenem, eingedeichtem Land Regenwürmer ansiedelte. Dank Regenwurmsupport steigerte sich der Ertrag beim Winterweizen auf das Doppelte und beim Klee sogar auf das Zehnfache gegenüber neuen Feldern ohne Regenwürmer.

Technische Artikel


Sulzer Technical Review

Nadia Qaud

Editor-in-Chief


Sulzer Management AG

Neuwiesenstrasse 15

8401 Winterthur

Switzerland

Telefon: +41 52 262 32 67