Sulzer Technical Review Issue 1 / 2016

Beauty-Corner im Korallenriff

16. März 2016 | Herbert Cerutti

Wehrlose kleine Fische gehen mit mächtigen Raubfischen einen temporären Servicevertrag ein. Eine erstaunliche Kooperation zum gegenseitigen Nutzen.

Im Jahre 1954 tauchte der deutsche Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt in einem Korallenriff auf den Galápagos. Was er dort entdeckte, war selbst für den erfahrenen Zoologen schier unglaublich. Als er neben einem Felsblock Pause machte, ruderte aus der dunklen Tiefe ein mächtiger Zackenbarsch herauf und blieb über dem Felsen stehen. Er sperrte das Maul weit auf, als müsste er gähnen, spreizte gleichzeitig die Kiemendeckel und verharrte regungslos. Daraufhin tänzelten zwei schlanke Lippfische daher, ihre Körperseiten mit auffallendem Streifenmuster geschmückt. Zur Verblüffung des Forschers schwammen die Zwerge dem Raubfisch schnurstracks ins Maul. Sie knabberten am Dach der Mundhöhle und stocherten zwischen den Zähnen nach Speiseresten. Dann schlüpften sie in die Kiemenöffnungen, putzten dort die Wände, befreiten nachher die Aussenhaut von winzigen Krebsen und kehrten für eine Nachsäuberung in den Schlund zurück. Plötzlich schloss der Barsch das grosse Maul – der Beobachter glaubte die Putzequipe verloren. Doch die Klappe ging umgehend wieder auf, und die kleinen Helfer verliessen ungeschoren den heiklen Arbeitsort. Mit einem Kopfschütteln signalisierte der Raubfisch das Ende der Kooperation.

 

Putzarbeit wie am Fliessband

Kaum war der Zackenbarsch im Riff verschwunden, schwebte schon ein zweiter vor den auf und ab wippenden Lippfischen. Die Reinigungsmannschaft machte sich erneut an die Arbeit. Was Eibl-Eibesfeldt auf den Galápagos sah, war die Allianz zweier höchst unterschiedlicher Partner: Die Raubfische werden von lästigen Parasiten befreit; die Lippfische finden beim Putzdienst ihre Nahrung. Mittlerweile ist diese Symbiose vielerorts in den Weltmeeren beobachtet worden, wobei jeweils ganz bestimmte Stellen in den Riffen als Beauty-Corner fungieren. Die Kundschaft umfasst vom Hai bis zu den Schmetterlingsfischen fast die gesamte Vielfalt der Riffbewohner. «Wir beobachteten, dass sich an solchen Putzstationen die Fische geradezu drängten, um an die Reihe zu kommen. Und so unverträglich sie an anderen Orten waren, so friedfertig verhielten sie sich hier», fasst der Forscher seine Erfahrungen zusammen.

 

Auch Falschspieler

Heute kennt man über fünfzig Arten von kleinen Fischen, die im Korallenriff grosse Fische putzen. Besonders tüchtig zeigt sich dabei die Meerschwalbe, eine Lippfischart aus dem Indopazifik – sie fertigt innert sechs Stunden bis zu 300 Fische ab.

 

Damit der Räuber den kleinen Helfer nicht als Beute sieht, ist Kommunikation notwendig. Die Lippfische bringen den Raubfisch mit tänzelnden Bewegungen und mit ihrem Streifenmuster einerseits dazu, zahm zu sein. Das regungslose Verharren mit weit offenem Maul und gespreizten Kiemendeckeln signalisiert andererseits dem Putzerfisch die friedliche Absicht des Riesen. Solch gegenseitiges Verstehen über die «Sprachgrenze» der einzelnen Tierart hinaus ist wohl das Resultat eines langen Lernprozesses im Laufe der Evolution.

 

Aber wie so oft in der Natur stört auch hier ein Falschspieler das traute Miteinander. Getarnt mit der blau-schwarzen «Putzertracht» der Meerschwalbe und wippend schwimmend wie diese, nähert sich der Säbelzahn-Schleimfisch den grossen Fischen. Während diese nun brav Maul und Kiemen für die Behandlung öffnen, stösst der Giftzwerg blitzschnell zu und reisst den Überraschten Haut- und Flossenteile vom Leib.


Sulzer Technical Review

Nadia Qaud

Editor-in-Chief


Sulzer Management AG

Neuwiesenstrasse 15

8401 Winterthur

Switzerland

Telefon: +41 52 262 32 67