Sulzer Technical Review Ausgabe 3 / 2019

Eine Milliarde Herzschläge

27. November 2019

Die Sulzer Technical Review ist zu Recht stolz auf ihre 100 Jahre. Betrachtet man das maximale Lebensalter verschiedener Tiere und Pflanzen, zeigen sich erstaunliche Fakten und Erkenntnisse.

Autor: Dr. Herbert Cerutti, Maseltrangen, Schweiz

Essigfliegen werden einen Monat alt, Regenwürmer 10 Jahre und Papageien zuweilen 100 Jahre (Abb.1). Sucht man nach den Altersrekorden im Tierreich, findet man die Methusaleme eher bei den weniger hoch entwickelten Arten. So ist ein Koi-Karpfen in Japan nachweislich 226 Jahre alt geworden, eine Aldabra-Riesenschildkröte (Abb.1) in einem indischen Zoo 256 Jahre und die Islandmuschel „Ming“ sage und schreibe 507 Jahre.

Sucht man innerhalb der verschiedenen Tierfamilien nach den langlebigsten Arten, findet man sie oftmals in den kältesten Klimazonen. So können Wale und Haie üblicherweise um die 100 Jahre alt werden. Der in arktischen Gewässern lebende Grönlandwal (Titelbild) aber hat ein Höchstalter von über 200 Jahren und der Grönlandhai (Abb.1) sogar mehr als 400 Jahre. Die in der Kälte stark reduzierte körperliche Aktivität und ein langsamerer Stoffwechsel dürften für das längere Leben eine wesentliche Rolle spielen.

Abb. 1 Zeitachse mit dem maximalen Lebensalter verschiedener Spezies.

Eine Frage der Körpergrösse

Bei den Säugetieren spielt für das Maximalalter die notwendige Körperwärme die entscheidende Rolle. Der Wärmeverlust hängt von der Grösse der Körperoberfläche relativ zum Körpervolumen ab. Je grösser ein Tier ist, desto günstiger ist dieses Verhältnis und entsprechend kleiner ist die Stoffwechselrate, also der gesamte Energieumsatz geteilt durch die Körpermasse. Deshalb werden grosse Säugetiere älter als kleine. Multipliziert man die Stoffwechselrate einer Tierart mit dem maximalen Lebensalter, ergibt sich von der Maus bis zum Elefanten die gleiche Zahl von etwa 220 Kilokalorien pro Gramm. Es ist, wie wenn jede Tierart dasselbe Kapital an „Lebensfeuer“ zur Verfügung hätte – lebt das Tier körperlich intensiver, ist das Guthaben schneller verbraucht.

Dies zeigt sich auch in einem unterschiedlich schnellen Puls. Schlägt das Mausherz pro Minute 500-mal (ohne Katze in der Nähe), pumpt das Herz des Elefanten etwa 26-mal pro Minute (Abb. 1). Hochgerechnet auf die maximal vier Lebensjahre bei der Maus und die 70 Jahre beim Elefanten, ergibt sich die verblüffend konstante Gesamtbilanz von 1’000’000’000 Herzschlägen bis die Lebensuhr des Säugetiers abgelaufen ist.

 

Der Mensch als Ausnahme

Wer dies jetzt für sich selber nachrechnet, muss mit Schrecken feststellen, dass er eigentlich schon lange tot sein müsste. Denn mit einem Puls von 75 Schlägen pro Minute wäre unsere Milliarde nach 20 Jahren bereits aufgebraucht. Glücklicherweise werden wir aber – bei vernünftigem Lebenswandel – heute viermal so alt. Und mit 122 Jahren hat die Französin Jeanne Calment (1875–1997) als bisher ältester Mensch die biologische Erwartung sogar um den Faktor sechs übertroffen. Wie es der Homo sapiens im Laufe der Evolution geschafft hat, die Lebensspanne derart stark zu erweitern, ist eine noch weitgehend offene Frage. Vermutet wird die bei der Geburt und in den ersten Lebensjahren stark verzögerte körperliche Entwicklung. Diese bewirkt zudem, dass Menschen länger jugendlich und somit lern- und anpassungsfähig bleiben.

Abb. 2 Langlebige Kiefer, die in den kalifornischen White Mountains beheimatet ist.

Uralte Bäume

Wer sich kaum bewegt, keinen Pulsschlag hat und den Grossteil der einzelnen Körperteile laufend erneuert, kann noch viel älter als Mensch oder Tier werden: die Pflanzen. Es sind vor allem die Bäume, deren Höchstalter erstaunen lässt. Wird bereits ein Kirschbaum bis zu 400 Jahre alt, kann es eine Fichte auf 1’100 Jahre und ein Feigenbaum sogar auf 2’000 Jahre bringen. Im Jahre 2012 wurde in den kalifornischen White Mountains eine Langlebige Kiefer (Abb. 2) entdeckt, die aufgrund der Jahrringe heute 5’070 Jahre alt ist. Auch hier hilft beim Altwerden das kalte Klima im Gebirge mit einer sommerlichen Vegetationszeit von lediglich drei Monaten und einem Minimum an Pflanzenschädlingen.


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